Geschichte

Warum die katholische Kirche St. Ludger heißt oder:

Was haben wir mit Friemersheim zu tun?


Wieso die katholische Kirche? wird der geneigte Leser zu Recht fragen. Bin ich hier nicht auf einer evangelischen Kirchenseite? Und sind evangelische Kirchen nicht von alters her ohne Namenspatron klargekommen? Ja, stimmt. Und Friemersheim gehört zu Duisburg, also fast schon zum Ruhrgebiet und wir sind doch hier am Niederrhein! Auch richtig. Interessant wird die Sache, wenn man die Uhr mal schnell um etwa 1100 Jahre zurückdreht. Hier kommt auch noch Essen ins Spiel, genauer gesagt, die Abtei in Essen-Werden, deren Gebäude heute die Folkwang-Hochschule beherbergt.

Das Kloster, das bereits 1803 im Rahmen der Säkularisation, d.h. der Verweltlichung kirchlicher Güter, aufgelöst wurde, war um die Wende vom 8. auf das 9. Jahrhundert von dem später heilig gesprochenen Missionar Luidger (*etwa 742, † 809) gegründet worden. Dieser Mann war Bischof von Münster und gebürtiger Niederländer aus Utrecht, ein Friese, heute eine in Deutschland und den Niederlanden anerkannte Minderheit als Nachfahren eines gleichnamigen germanischen Volkstammes...äh, hüstel, das führt hier wohl wirklich zu weit.

Karl der Große meinte dann, den Essenern etwas Gutes tun zu müssen und schenkte Ihnen den Reichshof Friemersheim. Ein Reichshof war damals so eine Art Zweitwohnsitz für den herumreisenden König. Friemersheim seinerseits war nun aus einem der vielen Einzelhöfe entstanden, um die sich bereits zu Römerzeiten Bauernsiedlungen mit dörflichem Charakter gebildet hatten. Der Name allerdings ist fränkischen Ursprungs, die Franken hatten nach dem Untergang des römischen Reiches um 400 n.Chr. in unserer Region die Macht übernommen.

Auch in den Ortsnamen Bliersheim, Bergheim und Oesterhem-Oestrum spiegelt sich noch heute der fränkische Teil unserer Geschichte.

Und die Werdener Abtei begann im 9. Jahrhundert das sogenannte „Urbar A“, d. h. ein Verzeichnis ihrer Besitzrechte, was insofern interessant ist, als es neben dem Lateinischen auch Althochdeutsch (Altsächsich) verwendet, was damals durchaus nicht üblich war; dieser Tatsache verdanken wir die frühesten Nennungen vieler Orte, z.B. Dortmund.

So! Nun war also Friemersheim Eigentum der Essener und musste Abgaben leisten. In damaliger Zeit wurden solche Abgaben in der Regel in Naturalien geleistet, d.h. Anteile der Ernte oder gewisse Mengen anderer regionaler Produkte wurden nach Essen geschafft. Wahrscheinlich leisteten die Menschen der Region durchaus auch Frondienste auf Klosterland. In jedem Fall bedeutete dies einen einigermaßen regen Personen- und Güterverkehr zwischen dem Kloster und der Gegend um Friemersheim. Möglicherweise der Ursprung der heutigen Ampelkreuzung.

Dort wurde dann auch eine kleine Kapelle errichtet, die dem hl. Ludgeri gewidmet war, eben jenem Gründer der Werdener Abtei.Urkundlich erwähnt wird diese kleine Andachtsstelle, die den Reisenden Rast und Möglichkeit zur Kontemplation bot, dann erstmals 1301, war aber vermutlich schon älter.

Ende des 14. Jahrhundert fiel die „Herrlichkeit Friemersheim“ an die Grafschaft Moers und so schließt sich der Kreis: zu dieser Zeit wird Kapellen erstmals urkundlich als Ort erwähnt, der sich aus Einzelhöfen bildete und seinen Kern um die kleine Kirche herum entwickelte.

Dann kam die Reformation und damit befinden wir uns bereits im 16. Jahrhundert. Luther hatte seine 95 Thesen 1517 an den Erzbischof zu Mainz gesandt. Gegen den Willen Luthers wurden diese lateinich verfassten Thesen ins deutsche übertragen und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Diskussion, die ursprünglich rein theologiewissenschaftlich begonnen hatte, setzte ein und durchzog alle Bevölkerungsschichten, denn der Ablasshandel, der den Menschen die Käuflichkeit göttlicher Gnade weismachte, war kein unbedeutender Wirtschaftsfaktor.

Der Grundgedanke der Reformation wird gern im vierfachen „allein“ ausgedrückt:

Dies kam einer religiösen Revolution gleich und spaltete die Kirche.Von diesen Vorgängen, die das ganze christliche Abendland erschütterten, blieb natürlich auch Kapellen nicht verschont und wurde 1560 protestantisch, 1561 erweiterte man die kleine Kapelle, deren gotische Gestaltung als heutiger Chor erhalten blieb, zur Pfarrkirche und St. Ludger musste den Platz räumen. Denn Heiligenverehrung gibt es bei den Protestanten nicht.

Im dreißigjährigen Krieg, also zwischen 1618 und 1648 wurde das Gebäude dann schwer beschädigt und verwüstet. Überliefert ist eine Instandsetzung im Jahre 1657.

Zu diesem Zeitpunkt lag die Reformation bereits beinahe 100 Jahre zurück und an der Kreuzung in Kapellen, die ja wohl älter ist als der Ort selbst, konnten die Menschen seit über 350 Jahren in einem festen Gebäude Andacht halten.

1960 äußerte der aus Vennikel stammende Lehrer und unermüdliche Heimatforscher Herrmann Thelen hierzu:

„Die Grundmauern der ersten Kapelle sind wohl im heutigen Chor zu finden. Erst fachgemäß durchgeführte Ausgrabungen werden zur Klärung der baulichen Entwicklung hinführen. Wollen wir aber zu einer näheren Erkenntnis kommen, so müssen (wir) das Gegenwärtigere, wenn es auch schon 100 Jahre zurückliegt, als Ausgangspunkt zur Darstellung der Entwicklung unseres Gotteshauses nehmen.“

Thelen beruft sich auf Clemen „Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz“, I.3, Kreis Moers, Düsseldorf 1892, p32:

„Eine Kapelle, der jetzige Chor, wurde im 15. Jahrhundert errichtet; das Langhaus nach Einführung der Reformation im Jahre 1561 angebaut. Im Jahre 1861 gründlich restauriert, zweistöckiger Backsteinturm im 17. und 18. Jahrhundert erneuert. Zweischiffiger gotischer Hallenbau aus Tuff mit weit vorstehendem Ostchor, in dem die Rippen mit polygonalen Kapitälchen auf Dreiviertelsäulchen aufsitzen. In dem, nur aus zwei Jochen bestehenden Langhaus, ruhen die Rippen auf polygonalen Konsolen, die Gurte sind fast rundbogig gestaltet: die Pfeiler bestehen aus zwei durcheinander geschobenen Rechtecken. Die Seitenschiffjoche sind mit je einem abgewalmten Satteldach eingedeckt.“

Damit können wir also davon ausgehen, dass das Kirchengebäude 1860 sein heutiges Aussehen erhalten hat. Weiter schreibt Thelen:

„Sie (die Kirche) wurde damals vom Grund aus bis zur Spitze renoviert. Sie wurde im Laufe der Jahre 1860/61 aus ihrem Grunde hervorgehoben, von außen her durch Abtragung des bis vor 20 Jahren (1839) als Gottesacker genutzten Kirchhofes, durch die Zementierung ihres Sockels, durch die völlige Freilegung und Absenkung des Kirchhofs und den Abbruch der Umfassungsmauer.

An deren Stelle wurden Bäume gepflanzt, die dem späteren Schulhof Schatten und den Kindern Anreiz zur Miternte der Äpfel gaben. Im Inneren wurden die Wände abgehackt und neu beworfen, der tiefliegende Fußboden erhöht, neue Fenster eingesetzt, die Pfeiler mitsamt den Bögen und Gurte ausgebessert und die Empore neu angelegt.

Die alten Seitentüren verschwanden und die neuen hohen Türen nach dem Dorfe hin (wurden) angebracht. Das baufällige Dach musste fast ganz erneuert werden. Das untere Turmgeschoss wurde so eingerichtet, dass es mit zum Gottesdienst genutzt werden konnte. Auch die neue Orgel von Ehrenfried Leichel, Duisburg, mit 16 Registern verlangte einen Kostenaufwand von 1600 Talern." Diese Leichel-Orgel wurde nach über 100 Jahren im Jahr 1969 ausgetauscht.

Auch die Geschichte der Glocken wird von Thelen geschildert:

„Als nach dem „weimarischen Landruin“ im Jahre 1642, wie Pastor Vorstius (Mathias Vorstius, Pastor in Kapellen von 1643-1664, Anm. d. Autorin) berichtet, die Glocken der Kirche verschwanden, ein eifriges Suchen nach dem Verbleib ergebnislos blieb, so brachte es der vorbildliche Opfermut der Gemeindeglieder doch soweit, dass 1646 und in folgenden Jahren beide Glocken wieder ihre Klänge weit ins heimatliche Land schickten und zum Gottesdienst einluden. Die große Glocke, die noch heute im Dreiklang der Glocken mittönt, erhielt folgende Inschrift:

„Jost Reiner von Cloudt und Loversfort, Drost und

Gubernator der Stadt und Grafschaft Morse,

Matthias Vorstius, Pastor, Didrich Holderbergh,

Didrich T'Bruch, Kirchm. Peter T'Stegen,

Didrich Stockrahm, Eltiste, 16 Kapellen 46“

Des weiteren folgt in Thelens Werk „Unsere Väter“, welches die evangelisch reformierte Kirchengemeinde Kapellen, Kreis Moers, 1960 aus Anlass des 400jährigen Gedächtnisses der Einführung der Reformation in der Grafschaft Moers herausgegeben hat, eine Liste aus dem Jahr 1648, in welcher die Spender mit Summen und Namen aufgeführt sind.

Spannend und beeindruckend hierbei ist, dass viele Familien und ihre Namen auftauchen, die auch heute fest mit Kapellen verbunden sind.

Doch hier sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt, dass die Glocken in Köln gegossen wurden von dem Glockengießermeister Peter Hemony.

 

Alexandra Warkall